Ethik-Werkstatt - Volltexte im HTML-Format - kostenlos
-->Übersicht       -->Alphabetische Liste aller Texte       -->Info zu dieser Website       -->Lexikon       -->Startseite
______________________________________________________________________________________________

*** Empfehlung: Nutzen Sie die Suchfunktion Ihres Internet-Browsers! ***


Allgemeine Methodologie der Wissenschaft

 Inhalt:

 Was heißt "Wissenschaft" ?

Was ist mit "Allgemeingültigkeit" gemeint?

Die Begründung des Intersubjektivitätsprinzips

Pseudo-Argumentationen

Die Forderung nach logischer Widerspruchsfreiheit

Das Bemühen um allgemeine Verständlichkeit

Die Festlegung von Wortbedeutungen: Definitionen

Die wichtigsten Arten von Behauptungen



Textanfang

Was ist mit "Wissenschaft" gemeint?


Im folgenden Text sollen die grundlegenden Methoden der Wissenschaft dargestellt und erörtert werden. Unter "Wissenschaft" soll dabei das Bemühen um Erkenntnis und Wissen verstanden werden mit dem Ziel einer allgemeingültigen Beantwortung allgemein interessierender Fragen.

Der Begriff "Wissenschaft" wird damit weiter gefasst als üblich. Nach dem vorherrschenden Verständnis beschränkt sich Wissenschaft  ("science") auf die Erforschung dessen, was ist. Das bedeutet, dass von der Wissenschaft nur Fragen hinsichtlich der Beschaffenheit der gegebenen Wirklichkeit bearbeitet werden, also die Fragen: "Ist es?", "Wie ist es?", "Warum ist es?", "Wie wird es sein?", "Wie ist es gewesen?". "Wissenschaft" wird nach diesem Verständnis gleichgesetzt mit "Realwissenschaft" bzw. "Erfahrungswissenschaft".

Ein solches, vom Positivismus geprägtes Verständnis von Wissenschaft, führt dazu, dass moralische, rechtliche und politische Fragen nach dem, was sein soll, aus dem Bereich der Wissenschaft herausdefiniert werden. Die Ergebnisse der Wissenschaft dürfen nach diesem Verständnis keine Werturteile oder Handlungsanweisungen enthalten.

Demgegenüber werden bei der hier gewählten, weiteren Fassung des Begriffs "Wissenschaft" nicht von vornherein wichtige Fragestellungen ausgeschlossen. Wissenschaft ist überall dort zuständig, wo Fragen gestellt werden und man die Antwort wissen will.

Ob dieser relativ weite Begriff von "Wissenschaft" brauchbar ist oder nicht, wird sich daran entscheiden, ob die Beantwortung der unterschiedlichen Arten von Fragen genügend Gemeinsamkeiten enthält, um das Ganze unter dem Oberbegriff "Wissenschaft" abzuhandeln.



Was ist mit "Allgemeingültigkeit" gemeint?


Wie anfangs bereits gesagt, werden nicht beliebige Antworten gesucht sondern allgemeingültige. Es wurde bewusst der Terminus "allgemeingültig" gewählt, um den engeren Begriff "wahr" zu vermeiden, der in der hier entwickelten Terminologie für den empirischen Bereich reserviert bleiben soll. Es lassen sich folgende Bestandteile in der Bedeutung des Wortes "allgemeingültig" unterscheiden.

1.) Zum einen ist eine allgemeingültige Anwort immer mit dem Anspruch verbunden, allgemein, d. h. von jedermann bejaht und übernommen zu werden.

Wenn z. B. jemand sagt: "Die Antwort x ist allgemeingültig", so enthält das den Anspruch an jeden Einzelnen, der Antwort x zuzustimmen und sie dem eigenen Denken und Handeln zugrunde zu legen. Eine Antwort, die allgemeingültig ist, fordert damit zu einem Konsens in ihrem Sinne auf.

Allgemeingültige Antworten sind die Grundlage für ein einheitliches Denken und Handeln der Einzelnen. Dies ist einer der Gründe, warum die Allgemeingültigkeit bestimmter Antworten immer wieder heftig umstritten ist.

2.)
Zum andern ist eine allgemeingültige Antwort mit dem Anspruch verbunden, nicht nur aktuell, sondern zeitlich unbegrenzt bejaht zu werden.

Die gesuchte Antwort soll nicht das eine Mal bejaht und das andere Mal verneint werden. Sie soll jederzeit bejaht werden. Wenn die Antwort x allgemeingültig ist, dann muss man nicht immer wieder erneut fragen, ob man sie bejahen und dem eigenen Denken und Handeln zugrunde legen soll. 

Allgemeingültige Antworten verringern so den für die soziale Koordination benötigten Informations- und Kommunikationsaufwand zwischen den Einzelnen. Sie sorgen für das Vertrauen, das für eine soziale Koordination und Kooperation erforderlich ist. Dies ist einer der Gründe, weswegen nicht selten mit großem Einsatz nach allgemeingültigen Antworten gesucht wird.

Man kann die bisher erläuterten zwei Bestandteile der Bedeutung von "allgemeingültige Antwort" in dem Satz zusammenfassen:
Die Wissenschaft sucht nach Antworten, die beanspruchen, intersubjektiv und intertemporal bejaht zu werden.

Solche Antworten werden im Folgenden als "Behauptungen" bezeichnet. Es wurde bewusst der Terminus "Behauptung" gewählt, um den Begriff "Aussage" zu vermeiden, der in der hier entwickelten Terminologie für den empirischen Bereich reserviert wird. Behauptungen fordern zu einer allgemeinen und dauerhaften Vereinheitlichung der Überzeugungen gemäß dem Inhalt der jeweiligen Behauptung auf. Dies macht die Wichtigkeit, aber auch die soziale Brisanz von Behauptungen aus.

3.) Wenn eine Behauptung allgemeingültig sein soll, so muss sich über sie ein ein allgemeiner, dauerhafter und zwangloser Konsens herstellen lassen.

Eine allgemeingültige Behauptung muss konsensfähig sein. Dass ein "Konsens" hinsichtlich einer Behauptung besteht, bedeutet, dass die Überzeugungen der Einzelnen hinsichtlich dieser Behauptung übereinstimmen und die Behauptung von allen Einzelnen einheitlich bejaht wird.

Der Anspruch auf allgemeine Bejahung einer Behauptung muss also durch eine intersubjektiv nachvollziehbare und nachprüfbare Begründung eingelöst werden können.

Ein Konsens ist "allgemein", wenn er alle Einzelnen umfasst, die die vorgetragenen Argumente verstehen und die das Ziel einer zwanglosen Einigung über strittige Behauptungen teilen.

Ein Konsens ist "zwanglos", wenn das einzige Mittel der Konsensfindung Argumente (Vernunftgründe) sind.

"Argumente" sind Behauptungen, aus denen logische Schlüsse gezogen werden können, die diese Behauptung stärken (beweisen) oder schwächen (widerlegen). Dies setzt voraus, dass die Argumente ihrerseits allgemeingültig sind.

Argumente richten sich an die vernünftige Einsicht der Einzelnen. Drohungen oder Versprechungen können zwar Motive (Beweggründe) erzeugen, einer Behauptung zuzustimmen. Drohungen sind jedoch keine Argumente, denn sie können die Zustimmung zu einer Behauptung bewirken, gleich welchen Inhalts diese ist.

Die intersubjektive Nachvollziehbarkeit aller Argumente ist in der Wissenschaft eine zentrale methodische Forderung. Dies Intersubjektivitäts-Prinzip lässt sich durch den Satz ausdrücken:
                            Bemühe Dich um einen argumentativen Konsens bei der Beantwortung der gestellten Fragen!

Diese methodologische Regel unterscheidet die Wissenschaft von anderen Instanzen und Erkenntnisverfahren, die ebenfalls Behauptungen aufstellen und diese als allgemeingültig ausgeben, deren Begründungen jedoch nicht intersubjektiv nachvollziehbar sind. Es ist eine der wichtigsten Aufgaben der Methodologie wissenschaftlicher Erkenntnis, zu klären, was intersubjektiv nachvollziehbare Argumente sind und was nicht. Dies ermöglicht die Abgrenzung wissenschaftlicher Erkenntnis von anderen Erkenntnisquellen.


zurück zum Anfang

Die Begründung des Intersubjektivitätsprinzips

Wenn im Vorangegangenen als Grundregel wissenschaftlicher Methodologie das Bemühen um einen argumentativen Konsens hinsichtlich der aufgestellten Behauptungen formuliert wurde, so stellt sich die Frage, ob - und wenn ja wie - sich dies Intersubjektivitätsprinzip begründen lässt. Jemand könnte kritisch einwenden, das bisher Gesagte sei nicht mehr als eine Reihe von eigenwilligen Definitionen, denn schließlich könne man Wissenschaft auch ganz anders definieren.

Richtig an dieser Kritik ist, dass es dem Wissenschaftler erst einmal freistehen muss, die für die Beantwortung seiner Fragen benötigten Begriffe zu bilden und entsprechend zu definieren. Man muss sich dabei allerdings über die Konsequenzen klar sein, die mit einer Ablehnung des Intersubjektivitätsprinzips verbunden sind.

Wenn sich ein Teilnehmer der Argumentation nicht auf das Ziel eines zwanglosen, auf einsichtigen Argumenten beruhenden allgemeinen Konsens festlegen lässt, er aber gleichwohl an dem Anspruch auf allgemeine Bejahung der von ihm vertretenen Behauptungen festhält, dann muss man diese Position als "dogmatisch" bezeichnen. Gleichzeitig behält er sich damit eine nicht-argumentative Beeinflussung der anderen Teilnehmer vor - bis hin zu verdeckten Drohungen oder Lügen.

Dadurch wird jedoch einer rationalen Argumentation die Grundlage entzogen, denn gegen Drohungen oder Lüge kann man nicht argumentieren, man kann sie nur als solche kenntlich machen. Damit ist die Aufgabe der Methodologie aber erfüllt.

Wenn es einem Teilnehmer an einer Argumentation gar nicht um eine allgemeingültige Antwort im obigen Sinne geht, ist eine Argumentation mit ihm sinnlos. Die von ihm gegebenen, nicht nachvollziehbaren Begründungen für die von ihm vertretenen Behauptungen lassen sich nicht widerlegen. Seine Position ist damit "indiskutabel".

Gegenüber jemandem, dem es gar nicht um einen intersubjektiv nachvollziehbaren argumentativen Konsens aller Verständigen geht, ist eine Begründung zwar unmöglich, aber zugleich auch unnötig, denn er scheidet als Teilnehmer einer rationalen Argumentation aus.

zurück zum Anfang

Pseudo-Argumentationen

Wenn die Wissenschaft nach Antworten sucht, denen jedermann allein aufgrund von Argumenten zustimmen kann, so werden bestimmte Argumentationsstrategien von vornherein unzulässig, weil sie mit dem Ziel der Wissenschaft unvereinbar sind.

So ist etwa die Kritik an einem Argument durch eine "Personalisierung" unzulässig. Mit "Personalisierung" ist gemeint, dass ein Argument nur deshalb verworfen wird, weil es von bestimmten Personen oder Personengruppen eingebracht wurde. Eine solches Vorgehen ist für den angegriffenen Teilnehmer nicht nachvollziehbar und damit grundsätzlich nicht konsensfähig.

Ebensowenig werden Behauptungen allein dadurch akzeptabel, dass sie von "Autoritäten" vertreten werden.

Um Pseudoargumentationen handelt es sich auch dort, wo auf die Kritik an einer Behauptung mit einem pauschalen Unmündigkeits- oder Ideologieverdacht gegenüber dem Kritiker geantwortet wird. Wenn einem Teilnehmer prinzipiell die Fähigkeit abgesprochen wird, relevante Argumente einzubringen, so ist dies kein Argument sondern es ist die Aufkündigung der Argumentation.

Entsprechendes gilt, wenn jemandem die nötige Intelligenz für eine Argumentation abgesprochen wird. Damit ist einer weiteren Argumentation die Grundlage entzogen.

zurück zum Anfang

Die Forderung nach logischer Widerspruchsfreiheit

Eine grundlegende methodische Regel der Wissenschaft ist die Forderung nach logischer Widerspruchsfreiheit. Eine Behauptung und ihre Verneinung dürfen nicht zugleich allgemeingültig sein. Mit jemandem zu argumentieren, der diese Regel nicht akzeptiert, ist sinnlos, weil er das Ziel der Argumentation nicht teilt. Wenn eine Antwort gegeben wird, die in sich widersprüchlich ist, so ist die Wirkung die gleiche, als wenn überhaupt keine Antwort gegeben worden wäre. Ein krasses Beispiel mag dies verdeutlichen. Wenn man z. B. jemanden fragt: "Bist Du heute um 20 Uhr zuhause?" und er antwortet: "Um 20 Uhr bin ich zuhause und ich bin um 20 Uhr nicht zuhause", so bleibt die Frage weiterhin offen. 

Logische Widersprüche sind nicht immer offensichtlich. Ob zwei Texte logisch miteinander vereinbar sind oder Widersprüche enthalten, lässt sich meist nur dadurch nachweisen, dass man aus diesen Texten durch logische Schlussfolgerung weitere Sätze ableitet, die dann direkt widersprüchlich sind.

Die Schlussregeln der formalen Logik sind so beschaffen, dass mit ihrer Hilfe aus allgemeingültigen Prämissen der in den Behauptungen implizit enthaltene Bedeutungsgehalt erschlossen werden kann. Dabei kommt kein neuer Bedeutungsgehalt hinzu, denn die logischen Schlussregeln ermöglichen nur die bedeutungsgleiche (tautologische) Umformung der Voraussetzungen (Prämissen) in Schlussfolgerungen (Konklusionen).

Da beim gültigen logischen Schließen der Bedeutungsgehalt nicht verändert wird, sind alle gemäß den gültigen Regeln des logischen Schließens gewonnenen Konklusionen  ebenfalls allgemeingültig. Beim deduktiven Schließen werden also aus allgemeingültigen Prämissen weitere allgemeingültige Behauptungen abgeleitet, die in den Prämissen implizit enthalten sind.

zurück zum Anfang

Das Bemühen um allgemeine Verständlichkeit

Wissenschaft findet im Medium der Sprache statt. Sie ist immer ein sprachlicher Kommunikationsprozess zwischen verschiedenen Individuen. Dabei kann es zu Missverständnissen in Bezug auf das mit den Worten Gemeinte kommen. Damit ist die intersubjektive Nachvollziehbarkeit der Argumente nicht mehr gegeben.

Wenn z. B. zwei Personen mit demselben Satz zwei unterschiedliche Bedeutungen verbinden, können beide recht haben, obwohl der eine den Satz behauptet und der andere ihn bestreitet. Der Streit ist dann offensichtlich sinnlos, weil die beiden aneinander vorbeireden und ihnen nicht bewusst ist, dass sie Antworten auf zwei unterschiedliche Fragen suchen. So ist z. B. der Streit darüber, ob die Bundesrepublik Deutschland ein demokratischer Staat ist, solange fruchtlos, wie nicht zuvor geklärt wurde, was unter dem Attribut "demokratisch" verstanden werden soll.

Die Umgangssprache steckt voller Vagheiten und Mehrdeutigkeiten, die sich sich nur im jeweiligen Kontext ihres Gebrauchs klären. Deshalb ist es mit dem Ziel der Wissenschaft unvereinbar ist, einfach "drauflos" zu sprechen, ohne sich zu vergewissern, ob die Bedeutungen, die die Beteiligten mit den benutzten Wörtern verbinden,  intersubjektiv übereinstimmen.

Unklar formulierte Behauptungen behindern außerdem die Kritik. Jegliche Kritik an einer unklar formulierten Position kann mit dem Hinweis zurückgewiesen werden, dass der Kritiker die Position gar nicht richtig verstanden habe. Wie man sieht ist eine Immunisierung von Behauptungen gegen Kritik mit dem Ziel der Wissenschaft, dem argumentativen Konsens, nicht vereinbar.


Die Festlegung von Wortbedeutungen: Definitionen

Das entscheidende Mittel, um sich intersubjektiv verständlich zu machen, ist die nähere Erläuterung des Gemeinten durch die ausdrückliche Festlegung der Bedeutung benutzter Begriffe, also durch eine Definition.

So definiert z. B. Max Weber: "Unter 'Macht' wollen wir … die Chance eines Menschen oder einer Mehrzahl solcher verstehen, den eigenen Willen in einem Gemeinschaftshandeln gegen den Widerstand anderer daran Beteiligter durchzusetzen." 

Solche Definitionen stellen offensichtlich keine Behauptungen auf, über deren Allgemeingültigkeit man sinnvoll streiten könnte, sondern sie legen fest, welche Bedeutung der betreffende Autor mit einem von ihm verwendeten Begriff verbinden will. "Nominaldefinitionen", wie man derartige verbale Bedeutungsfestlegungen nennt, erzeugen ein begriffliches Instrumentarium, eine Terminologie, zur Beantwortung der gestellten Fragen. Entscheidend ist, ob die definierten Termini zur Beantwortung der gestellten Fragen geeignet sind.
 
Eine Vorbedingung dafür ist allerdings, dass die Begriffe, die zur Bestimmung des zu definierenden Begriffs herangezogen werden, ihrerseits verständlich sind bzw. verständlich gemacht werden können. Unter Umständen sind längere Definitionsketten erforderlich, um einen einzigen Begriff zu bestimmen.

In der Regel kann durch solche Definitionen zumindest soviel intersubjektive Übereinstimmung geschaffen werden, wie für die Formulierung und Beantwortung der jeweiligen Fragestellung erforderlich ist.

Wenn Definitionen nicht ausdrücklich als solche kenntlich gemacht werden, besteht zum einen die Gefahr, dass Definitionen und Behauptungen miteinander vermengt werden und ein unkontrollierter Übergang von der Definition zur Behauptung erfolgt. Zum andern vergrößert sich die Gefahr inhaltsleerer zirkelhafter Definitionen.

Durch die Bedeutungsfestlegung in Form einer Definition wird ausgeschlossen, dass dasselbe Wort mit unterschiedlichen Bedeutungen verwendet wird. Dies ist eine Voraussetzung für die Anwendung der Logik. Nur wenn gilt "a = a", gelten auch die Schlussregeln der Logik.

Definitionen haben schließlich den Vorzug, dass sie abgekürzte Formulierungen ermöglichen.

Andererseits ist mit dem Erlernen einer neuen Terminologie immer ein gewisser Aufwand verbunden. Aus diesem Grund empfiehlt es sich, mit der Einführung neuer Begriffe sparsam umzugehen und – wenn möglich – an die bisherigen Bedeutungen anzuschließen. Die Einführung neuer Begriffe lässt sich nur durch deren theoretische Fruchtbarkeit, durch ihre Eignung zur Formulierung neuer Erkenntnisse rechtfertigen.

Die Forderung nach Genauigkeit und Klarheit der Begriffe bedarf einer Einschränkung, denn es gibt Phasen in einem Forschungsprozess, in denen Neuland betreten wird, über das man nichts Sicheres weiß. Hier fällt schon die Formulierung der Fragen schwer, man kann nur mit vorläufigen Hypothesen arbeiten und muss mit dem überkommenen Vokabular eine bis dahin unbekannte Welt analysieren. In solchen Phasen der Forschung lässt es sich nicht vermeiden, dass auch die gebildeten Begriffe unscharf und vorläufig sind. 

zurück zum Anfang

Die wichtigsten Arten von Behauptungen


Wissenschaftliche Texte stellen meist eine komplizierte Verbindung verschiedener Arten von Sätzen dar. Neben den Behauptungen, die die Ergebnisse der Untersuchungen enthalten, finden sich meist auch Erörterungen der Relevanz der Untersuchungen, Erläuterungen und Präzisierungen der Fragestellung, logische und mathematische Umformungen von Sätzen und Daten oder Beschreibungen und Begründungen des methodischen Vorgehens. Aus diesem Grund ist es gerade bei sozialwissenschaftlichen Texten manchmal schwierig, den Kern der aufgestellten Behauptungen herauszudestillieren, die verschiedenen Arten von Behauptungen zu klären, um dann die Behauptungen auf ihre argumentative Konsensfähigkeit prüfen zu können.

Folgende Hauptgruppen von Behauptungen lassen sich dabei unterscheiden:

1. Behauptungen, die beinhalten, wie die Welt beschaffen ist (positive Behauptungen, Aussagen).

Ein Beispiel hierfür ist der Satz. "Im Jahr 2011 hat die Bundesrepublik Deutschland ca. 40 Milliarden Euro an Schuldzinsen bezahlt."

Ein argumentativer Konsens über derartige Behauptungen ist zumindest im Prinzip möglich durch Verweis auf übereinstimmende Beobachtungen.

2. Behauptungen, die beinhalten, wie die Wirklichkeit beschaffen sein soll (Normsätze, Werturteile)

Ein Beispiel hierfür ist der Satz: "Gerade in einer Zeit zunehmender Entfaltung von Staatstätigkeit ist darauf zu achten, dass diese nicht zu einer Entmündigung des Menschen führt."

Ob und - wenn ja - wie sich ein argumentativer Konsens über normative Behauptungen herstellen lässt, ist umstritten. Häufig wird jedoch durch Verweis auf Interessen bzw. Willensinhalte der Menschen argumentiert.

3. Behauptungen über die Bedeutung von Texten und Zeichen  (hermeneutische Behauptungen)

Ein Beispiel hierfür ist der Satz: "Das englische Wort 'proposition' bedeutet im Deutschen soviel wie 'Aussage'."

4. Behauptungen über theoretisch konstruierte Modelle  (modellbezogene Behauptungen)

In diese Kategorie gehören alle Aussagen, die sich auf theoretische Modelle, "Idealtypen", "allgemeine Begriffe" oder ähnliches beziehen und nicht auf in der Wirklichkeit vorfindbare Phänomene. Solche theoretischen Modelle spielen in den Sozialwissenschaften eine große Rolle, wenn auch nicht in dem Maße wie in der Mathematik, die sich ja gar nicht mit bestimmten Bereichen der Wirklichkeit befasst sondern nur mit der Analyse konstruierter Modelle wie Dreiecken, Zahlenfolgen, Funktionen etc.

5. Behauptungen über das richtige wissenschaftliche Vorgehen (methodologische Behauptungen)

Ein Beispiel für eine Behauptung über methodologische Regeln ist die folgende Textpassage:

"Wir bedürfen … offensichtlich einer größeren Präzision in unserer Sprache. Dennoch erreicht Präzision vielleicht nicht immer, was wir möchten. Denn je größere Präzision wir suchen, umso stärker können wird den allgemeinen Begriff aufsplittern, so dass ein umfassender Überblick unmöglich wird." (aus R. A. DAHL, Die politische Analyse, München: List 1973, S. 35).

Diese verschiedenen Arten von Behauptungen erfordern jeweils unterschiedliche Methoden der Gewinnung und Überprüfung, so dass hierfür spezielle Methodologien entwickelt werden müssen. Diese können auch den zahlreichen Unterarten von Behauptungen gerecht werden.

***

Siehe auch die folgenden thematisch verwandten Texte in der Ethik-Werkstatt:
Methodologie der empirischen Politikwissenschaft
Methodologie der normativen Politikwissenschaft

***
zurück zum Anfang
Alphabetische Liste aller Texte
Übersicht

Ethik-Werkstatt: Ende der Seite "Allgemeine Methodologie der Wissenschaft" / Letzte Bearbeitung 07.07.2011 / Eberhard Wesche

Wer diese Website interessant findet, den bitte ich, auch Freunde, Kollegen und Bekannte auf die "Ethik-Werkstatt" hinzuweisen.

Ethik-Werkstatt: Allgemeine Methodologie der Wissenschaft *** (26 K)